White Screen beschäftigt sich mit den Aufnahmen des Filmpioniers Etienne-Jules Marey, der das kolonialistische Bild von „fremden“ Völkern zur Jahrhundertwende prägte. Eines der Videos ist die Reinszenierung seiner dokumentarischen Aufnahmen von Afrikanern und Arabern im Rahmen einer ethnografischen Ausstellung in Paris 1895. Die andere Projektion zeigt eine historische Illustration der Anwendung von Mareys „Fotografischem Gewehr“. White Screen thematisiert den seit jeher existierenden kolonialistischen Blick und die damit verbundenden Ängste, die nicht zuletzt die Diskussionen über den Ganzkörperschleier in Europa prägen.
White Screen ist eine Reinszenierung von Bewegungsstudien, die Étienne-Jules Marey im Rahmen von ethnografischen Ausstellungen Ende des 19. Jahrhunderts aufgenommen hat. Das Bettlaken, das bei Marey als weißes Passepartout fungiert, von dem sich die abgebildeten kolonialisierten Subjekte kontrastiv abheben, bekommt hier jedoch die umgekehrte Funktion: die gezeigte Figur wird vor dem Blick des Betrachters verborgen. Während man in Mareys Arbeiten das Bettlaken auch als Metapher des weißen Diskurses lesen kann, vor dessen Hintergrund die Kolonialisierten zwangsläufig als die Anderen erscheinen müssen, wird in Hurtigs Reinszenierung nun herausgearbeitet, wie genau dieses koloniale Framing die Wahrnehmung verzerrt. White Screen enthüllt damit den westlichen Blick als eine kulturelle Projektion, die die Kolonialisierten als das Andere erst hervorbringt.
Statt den Blick zu erwidern, fehlen der im Video dargestellten Person die Augen. Angesichts der Assoziation des Blickens mit dem Schießen lassen sich hier auch Folterbilder von Abu Ghraib assoziieren. Dieses Bild findet sich besonders in der waffenartigen Bauart von Mareys fusil photographique, einer der ersten Filmkameras der Geschichte, wieder. Auch wenn es den Anschein haben könnte, dass hierarchische Blickverhältnisse des Blickens und Angeblickt-Werdens durch das Fehlen von Augen reproduziert werden und in eine gewaltsame Objektivierung der dargestellten Figur münden, birgt gerade das Fehlen einer Blickerwiderung ein widerständiges Moment. Der visuellen Anrufung folgt keine bestätigende Reaktion. Darüber hinaus fungiert die Verschleierung als Tarnkappe. Hier wird dem Blickregime durch Mimese begegnet - einer defensiven Strategie, die den zudringlichen Blick an sich abperlen lässt und auf sich selbst zurückwirft. Damit wird das subversive Potenzial von Verschleierung deutlich, welches in aktuellen Debatten um Burkaverbote hinter der Aufladung des Schleiers als islamistisches Unterdrückungssymbol in der Regel unterbelichtet bleibt. Das Spiel mit dem Verbergen ist gerade angesichts der Sichtbarkeitsimperative des Kunstfeldes ein ambivalentes Experiment. Ist es möglich, das Unsichtbare als Unsichtbares auszustellen, oder bleibt es einfach eine ungesehene Leerstelle? White Screen exponiert den Schleier als Bildschirm, auf dem konkurrierende kulturelle Projektionen zusammentreffen.
– 2011